8 Cent Mindestlohn oder Die Flaschensammler

Gestern hat mir meine Freundin eine Tüte Pfandflaschen in die Hand gedrückt, ich solle die doch auf dem Weg zum Taxistand wegbringen.
Das habe ich auch getan, kurz nach Ladenöffnung. Ich hatte ein paar Bierflaschen, einige Mineralwasserflaschen, vier PET-Flaschen, insgesamt genug, um eine blaue Tüte eines allseits bekannten Möbelunternehmens zu füllen.
Vor mir, an dem zickigen Pfandautomaten, war ein muffig riechender Mann mit einem ähnlichen Sack, voll mit klimperndem Glas, der gerade einmal 2,16€ für seine Bierflaschen gutgeschrieben bekam. Für mich waren es genau 2.23€, die als Anzahlung für einen besseren Espresso draufgingen.Warum ich das erzähle?
Nun, am selben Tag saß eine zugeknöpfte Frau, die ausstrahlte, dass sie zuletzt in den Achzigern so etwas wie Spaß gehabt hatte, in meinem Taxi. Sie sei auf dem Weg zu einer Betriebsprüfung. »Mindestlohn. Ich kontrolliere das. Was ich da alles schon für Tricks gesehen habe, Donnerwetter!«, hatte sie mit verkniffenem Gesicht gesagt. »8,84€, was die sich nicht alles einfallen lassen, das zu unterbieten«, knurrte sie, mehr zu sich selbst und schien ihren Blick im zähen Verkehr verschwinden lassen zu wollen. Doch dann wendete sie sich ruckartig, wie ein Raubtier, mir zu. »Was verdienen sie denn so?«
»Ich bin selbstständig«, sagte ich freudig. »Und mein Angestellter Abu verdient 10.«
»Sehr gut!«, sagte sie, nickte einmal kurz und verstummte für den Rest der Fahrt.
Danach musste ich eine Weile auf den nächsten Gast warten und natürlich fing ich da zu Grübeln an.
Wir haben einen Mindestlohn von 8,84, für den Altglassammler bedeutet das 110,5 Boerflaschen, die er pro Stunde einsammeln muss, etwa 38 kg Glas. Oder 35 Cola-Dosen, aber die wachsen bekanntlich auch nicht auf Bäumen.
Was uns als Wohltat für die Umwelt verkauft wurde, ist in der Praxis nicht weiter als ein Trostpflaster für die Abgehängten, denen wir eine schlechte Rente, miserable psychische Hilfeleistungen oder unsicheren Aufenthaltsstatus gönnen.
8 Cent pro Flasche Mindestlohn für die Ärmsten der Armen.
Die Gesellschaft wirft ihr das Pfand als Almosen hin und ist dadurch das Problem Glasmüll ebenso los, wie verhungernde Rentner oder Obdachlose. Flaschen und Menschen; aus den Augen, aus dem Sinn.
Ich da einen besseren Vorschlag für die Politik:
Verseht einfach alle anderen Verpackungen auch mit Pfand und durchaus nicht zu niedrig.
Dann hätten wir kein Problem mehr mit Müll auf den Straßen und in den Parks, der Umwelt, oder das, was wir in Deutschland dafür halten, wäre wirklich geholfen. Ein Heer von freiberuflichen Räumtrupps wäre dann andauernd unterwegs, und würde dann hoffentlich auf mindestens 8,84€ kommen. Es wäre darüber hinaus gerecht, weil nur der, der Müll macht, auch für dessen Beseitigung bezahlt.
Ein guter Plan, nicht?
Gut, man könnte auch an der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Ärmsten auf anderen Wegen sorgen.
Aber wer will das schon?

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Autor: christophsstark

Ich schreibe, also bin ich

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